SM
 
Boleweg 7
Tel.: 02921/61025

Wenn man in Soests neuester Nobel-Disko, die sich selbst, in aller Bescheidenheit natürlich, als "die Nummer eins weit und breit" bezeichnet, um Einlass begehrt, ist die Antwort, die man wohl am Häufigsten von den hünengleichen, "Nur über meine Leiche"-Türstehern erhält, ein aus dem Mundwinkel genuscheltes "negativ".

An der Tür dieses sagenumwobenen Tanz-Mekkas trennen sie die Spreu vom Weizen, sie werden zu Hütern des heiligen Grals und ihre Entscheidungen etwa so voraussagbar wie die Weissagungen des Orakels von Delphi. Wenn man sich jedoch in der Rolle des Dackels vor der Metzgerei nicht wohlfühlt, gibt es nur einen Weg, die gottgleichen Wächter zu überlisten: Mummenschanz!

Mein persönliches Erfolgsrezept: Schwarze Bundfaltenhose, dunkelrote Lackschuhe (nur keine Turnschuhe, in Gottes Namen keine Turnschuhe!), dunkelgrüner Rollkragenpulli mit darüber (!) getragener Goldkette und ein senffarbenes Sakko; nun ja, was tut man nicht alles für einen Einblick in die Welt der Reichen und Schönen.

Nun, dergleichen angetan, wurde mir der Eintritt, der im übrigen 8,00 DM kostet, nunmehro gestattet. Zuallererst nahm mich die Atmosphäre der Räumlichkeiten gefangen, die den Charakter des Aldi-Marktes, den diese Hallen ehedem beherbergten, weitestgehend bewahrt haben. Nicht nur von Außen sieht das Gebäude aus wie eine Synthese aus Früchtegroßhandel und Sonnenstudio, auch im Innern kann es diese Erwartungen durchaus erfüllen. Jeden Augenblick möchte man meinen, auf dem teilweise in original Aldi-Fliesen erhaltenen Fußboden gegen aufgeplatzte Joghurt-Becher zu treten oder in H-Milch-Seen zu waten.

Auch die Angestellten folgen diesem Trend. Viele von ihnen sehen so aus, als seien sie direkt von der Aldi-Kasse an den Disko-Tresen gewechselt und beim Beobachten der Gästeschar fühlte man sich etwas an die Leistungsschau der Deutschen Friseurinnung erinnert. Sie hielt in ihrem völlig gleichförmigen Aussehen dem unbedarften Betrachter die möglichen katastrophalen Folgen der Gen-Technologie vor Augen.

Wenn sich ganz normale Frauen, unter der Woche Verkäuferinnen, Krankenschwestern und Bürokauffrauen, wochenends bei Anbruch der Dämmerung in männermordende Kosmetikmutanten verwandeln, die sich Vaseline um die Hüften schmieren müssen, um in ihre pink-farbenen Stretch-Minis zu passen, ihr dauergewelltes, gesträhntes Haar zu Ananas-Frisuren türmen, paillettenbestickte Blusen, bis zum "Sohnes" dekoltiert tragen, um damit so ein bisschen auszusehen wie Ohrringzauber-Barbie und sich zu den Klängen von Dieter Bohlen und Fancy auf der Tanzfläche aalen, muß man sich doch die Frage stellen, ob das vielgerühmte Bildungssystem der Bundesrepublik nicht doch versagt hat!? Auf jeden Fall ist es eine weitere Bestätigung unserer Theorie, dass die Intelligenz eines Menschen in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Größe seiner primären Geschlechtsmerkmale steht. (Gott, Wittig, Sie sind ordinär!)

Indes, auch die männlichen Besucher wirken in ihren ockerfarbenen Sakkos und pflaumenfarbenen Hosen auch nicht eben wie die intellektuelle Elite von Soest und passen ausnehmend gut zu diesen Disko-Matrazen und Bagger-Löchern.

Bleibt zu guter letzt noch festzustellen, dass sich das Amusement doch sehr in Grenzen hält, auch das reichliche Angebot an geistigen Getränken nicht zu längerem Aufenthalt zu verleiten vermag und wir zu dem Schluss gekommen sind, dass das SM für die Infrastruktur der Stadt Soest etwa so entscheidend ist wie die Spezialeffekte für "Godzilla"-Filme.

P.S.
Sonntags gegen 15.00 Uhr trifft sich auf dem Parkplatz des SM (Sado-Maso?) der bekannte "Opel-Club Sauerland". Geht doch einfach mal hin, es ist ganz einfach toll zu sehen, wie getunte Mantas, bespoilerte Monzas und gestylte Kadett C-Coupés dort von ihren stolzen Besitzern vorgeführt werden.

P.P.S.

Kann mir mal jemand die Frage beantworten, warum bei Kadett C-Coupés immer die vordere Stoßstange fehlt?

Atmosphäre:  Hot Summer Nights in Lloret de Mar
Gäste: Verkäuferin und Gas- & Wasserinstallateur mit der
Libido eines Bonobos (Geo-Leser aufgemerkt!)
Musik: Disko-Pop übelster Machart
Einrichtung: unausgegorenes Konglomerat zwischen Kula-Möbel
und Aldi-Regalen
Toilette: och ja, nicht übel
Preise:  für einen Tanz-Tempel dieses Anspruchs zivil
Bewertung: 
 
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